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Stressmanagement statt Zeitmanagement

Ich bin seit vielen Jahren ein Gegner aller Weisheiten, pseudowissenschaftlicher Ansätze und Elaborate zum Thema (persönliches) Zeitmanagement. Das Internet ist voll davon, selbsternannte Gurus verdienen sich eine goldene Nase mit Büchern und Vorträgen – und was ist das Resultat? Meistens nichts.

Die allerwenigsten dieser „Patentrezepte“ funktionieren in der Praxis, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Warum? Ganz einfach: zum einen, weil man “Zeit” nicht managen kann, sondern nur Abläufe. Zum anderen, weil es nicht möglich ist, einem Individuum dauerhaft ein Planungs- und Handlungsschema überzustülpen, welches seiner Natur oder seinem persönlichen situativen Empfinden zuwiderläuft.

StressmanagementPersönliches Stressmanagement ist für mich der Schlüssel
Der Satz des Münchner Wissenschaftsautors Stefan Klein hat mich auf den Gedanken gebracht das Thema Zeitnot einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: „Wir sind nicht gestresst, weil wir keine Zeit haben, sondern wir haben keine Zeit, weil wir gestresst sind.“ Zeit ist letztlich ein abstrakter Begriff, ein subjektives Empfinden und ohne Hilfsmittel nicht messbar. Unser Wahrnehmungszentrum für Zeit liegt in der Großrinde des menschlichen Gehirns und wird in seiner Funktion durch die Ausschüttung von Stresshormonen eingeschränkt. Die wichtige Erkenntnis für mich: Es geht also zuerst mal um persönliches Stressmanagement!

Hier liegt für mich der Schlüssel zum Erfolg, bevor ich mich mit Ablaufmanagement beschäftige. Wenn ich gefühlt – oder auch real – zu wenig Zeit habe (für was auch immer) und deswegen in (Dauer-)Stress gerate, forsche ich zuerst nach möglichen Ursachen oder tiefer liegenden, wahren Gründen. Denn Stress verändert nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Verhalten.

Mut zur Selbstehrlichkeit: was sind meine persönlichen Stressfaktoren?
Ich frage mich selbstkritisch: was ist der eigentliche Stressfaktor, der mein Zeitproblem und Hektik erzeugt? Also etwas, das über eine reine Korrektur von Abläufen hinaus geht. Oft finde ich eine schnelle Antwort, vorausgesetzt ich habe den Mut zur Selbstehrlichkeit. By the way: da Selbsterkenntnis oft die schwierigste Form der Erkenntnis ist, kann hier das DISG-Assessment hilfreich sein, welches wir bei TAB nutzen. Es gibt Aufschluss über den persönlichen Kommunikationsstil, potenzielle Stressauslöser und innere Motivatoren.

Manchmal muss ich auch etwas tiefer gehen. Mit den „Fünf Warums“ zum Beispiel komme ich hier ganz gut weiter. Es ist letztlich aber egal, wie Sie dort hinkommen: wichtig ist nur, den wahren Stressfaktor zu identifizieren. Dieser kann übrigens sowohl eine innere Barriere wie auch ein äußerer Einfluss sein, der unbewusst abgelehnt wird.

Wer seine Stressursachen kennt, entkommt der Zeitfalle
Interessanterweise sinkt nach der Erkenntnis zunächst das Stresslevel, weil die wahren Ursachen auf einmal bewusst und akzeptiert sind. Wenn Sie nun effektive Maßnahmen treffen, um den Stressfaktor abzubauen, verändern sich in kurzer Zeit sowohl Ihre Wahrnehmung wie auch Ihre reale Zeitnot.

Hier zwei Beispiele für Zeitprobleme mit Dauerfrust-Potenzial und mögliche Fragen, wie Sie den eigentlichen Stressauslösern auf die Spur kommen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder wissenschaftliche Fundierung:

Problem Nr. 1: Zu viel Arbeit für zu wenig Zeit…
„Der Tag müsste 24 Stunden mehr haben – ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht“. Ein Klassiker mit vielen Ursachen und Gründen. Fragen Sie sich doch mal folgendes: Warum haben Sie sich soviel Arbeit aufgehalst? Wollen Sie dadurch Ihr Ego befriedigen? Können Sie nicht “Nein” sagen? Überschätzen Sie Ihre Kapazitäten? Wollen Sie im Grunde nicht delegieren? Und warum nicht? Suchen Sie Lob oder Anerkennung? Von wem? Und warum? Fühlen Sie sich als schlechter Unternehmer, wenn Sie zu viel Zeit haben? Und so weiter …

Problem Nr. 2: Die Dinge bleiben liegen…
„Ich weiß, dass ich das dringend erledigen muss (oder wollte), aber mir fehlte einfach die Zeit“.
Ein typischer Fall von „Aufschieberitis“ – häufig auch im Privatleben zu finden, mit nachfolgendem schlechten Gewissen… kennen wir sicher alle. Passende Fragen an sich selbst hierzu: Warum habe ich es, ganz ehrlich, nicht erledigt? Hatte ich keine Lust? Warum nicht? Will ich die Aufgabe im Grunde nicht erledigen? Was nervt mich daran? Flüchten Sie sich in Alibi-Tätigkeiten? Habe ich “Ja” gesagt und eigentlich “Nein” gemeint? Habe ich Angst vor den Konsequenzen? Warum?

Es gäbe noch viele Beispiele mehr. Das Schema zur Identifikation des wahren Stressfaktors ist stets das Gleiche. Und es funktioniert immer. Ich bin sicher, dass Sie die Fragen und Antworten finden werden, die für Sie persönlich relevant sind und das eigentliche Problem identifizieren. Versuchen Sie es einfach mal.

Wie gehen Sie mit dem Thema Zeit um? Schreiben Sie mir – ich bin gespannt auf Ihre persönlichen Erfahrungen und Lösungsstrategien.

Autor: Thomas Grutzeck

3 Kommentare

  1. Toller Artikel!
    ….und die Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen:

    Stress und Termindruck machen auch aus der langweiligsten Aufgabe noch eine Herausforderung mit Abenteuercharakter
    und lassen Stressgeplagte dann zu Helden oder Superwomen mutieren.

    Andererseits können Stress, Zeitmangel und Burnout endlich der Schlüssel für die verborgene Tür zum Jammertal oder zur Rekonvaleszenz sein, die sich der gnadenlos ehrgeizige stressgeplagte Held und die unbarmherzige Kämpferin sonst niemals gegönnt und zugestanden hätten: Ausweg Opferrolle!

    In Zeiten, in denen “Couch-Potato” fast schon zu den schlimmsten Schimpfwörtern unter erfolgreichen Menschen gehört(e), ist oder war Stress und Zeitmangel doch ein Paradigma, oder nicht?

    Warum lassen wir es nicht einfach mal wieder etwas langsamer gehen? Weniger ist doch manchmal mehr…..

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  2. Thorsten Windus-Dörr

    04/12/2014 @ 09:53

    Hallo Herr Grutzeck, schönes Thema. Ich will mal eine Lanze fürs Zeitmanagement brechen, oder nennen wir es meinetwegen „Ablaufmanagement“, das sind nur Vokabelnickligkeiten.
    Ich habe vor Jahr und Tag ein gutes Seminar zum Thema gemacht, von dem ich heute noch zehre. Einige Dinge können helfen, sich selbst zu organisieren oder zu disziplinieren.

    To-do-Liste anlegen und pflegen. Dann geht nichts verloren und es wird nichts vergessen. Am Abend sollte sie kürzer sein als am Morgen. Ansonsten hat man entweder einen richtig guten Auftragseingang (und das ärgert keinen) oder ein persönliches Problem mit sich selbst (und das sollte einen ärgern).

    Die to-do-Listen strukturieren. Die meisten Menschen kommen in Stress, weil sie glauben alles sei gleich wichtig. FALSCH. Bei mir werden alle Dinge die reinkommen in drei Eingangskörbchen sortiert, die heißen: „Sehr wichtig“, „Morgen erledigen“, „egal“.
    Und es ist immer wieder erstaunlich wie vieles aus der „Egal“-Kategorie sich von selbst erledigt.

    Mail-Disziplin halten: Wer sich von jeder hereinkommenden E-Mail ablenken lässt, der ist verloren. Ich schaue nur zu bestimmten Zeiten in meinen E-Mail-Briefkasten. Das reicht völlig. Und wer mich wirklich dringend braucht, der greift zum Telefon. Haben meine Kollegen auch so langsam verstanden.

    Zeitfresser meiden: Internet und Smartphones versklaven Menschen. Wer sich im Job versurft, der ist verloren. Auf der Jagd nach vermeintlich wichtiger Information mit in Wirklichkeit zu vernachlässigender Aktualität und geringer Halbwertszeit. Die wirklich wichtigen Infos aus der großen weiten Welt erreichen einen auch so.

    Das sind für mich die wichtigsten Hilfsmittel, die Abläufe organisieren und mir Zeit verschaffen für Frau, Töchter und Enkelin. Die wirklich wichtigen Dinge meines Lebens.

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    • Thomas Grutzeck

      04/12/2014 @ 10:38

      Hallo Herr Windus-Dörr, das sind sehr gute Methoden, sich zu organisieren bzw. zu priorisieren, gerade wenn man evtl. unbewußt vorhandene Stressfaktoren im Vorfeld erkannt oder beseitigt hat. Das mit den drei Eingangskörbchen mache ich seit Jahren genau so (sh. meine Antwort neulich im Beitrag “Work-Life-Balance”) – funktioniert super ;-)

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