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Intelligentes Geben und Nehmen: Der Ruf nach dem „Unternehmer 3.0“

„Am produktivsten werden zukünftig multinationale Konzerne sein, die ihren Hauptsitz in aufstrebenden Märkten haben, da es dort am einfachsten ist, Produktivität mithilfe neuer Technologien zu stimulieren. Multinationale Konzerne vermögen es außerdem am leichtesten, Defizite in anderen Märkten auszugleichen, wenn es in einem Land Management- oder Wachstumsprobleme gibt.“ [Management: The Next 50 Years“, McKinsey; zit. nach gmbhchef online].

Mann im Stuhl mit Blick nach oben

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Solche Aussagen bestimmen derzeit die Wirtschaftsdebatten – und sie machen kleine und mittelständische Unternehmer (KMU) nachdenklich. Denn diese haben es mit einer Konkurrenz zu tun, die bereits heute gewaltige Ressourcen flexibel einsetzt. Wie ist die Antwort darauf? Was muss sich ändern?

Wohl eine Menge; allen voran die eigene Vorstellung davon, was einen Unternehmer ausmacht. Denn diese ist dem Unternehmer im Alltag häufig Antrieb und Rechtfertigung zugleich.

 

Unternehmer 1.0: Einsatz und Fürsorge
Früher war der Unternehmer konservativ, patriarchalisch und im besten Fall fürsorglich. Karikaturen zeigten ihn mit Zylinder und Zigarre. Die 50er Jahre brachten ihm Wohlstandsbauch und Verdienstorden. Die Leistungs- und Wertbegriffe dieser Zeit waren Kampf, Einsatz, Opferbereitschaft und Vorbild für die Mitarbeiter. Dieser Urtyp, nennen wir ihn „Unternehmer 1.0“, bestimmte insgesamt drei Jahrhunderte lang das Wirtschaften, auch wenn er später Englisch sprach und (analoge) Videokonferenzen einberief.

 

Unternehmer 2.0: Automatisierung und Geschwindigkeit
Dann kam die digitale Revolution. Nicht nur Zeichnungen wurden maschinenlesbar. Maschinen schauten den besten Drehern und Fräsern zu und lernten so, sich weiter zu optimieren. E-Mails kamen auf. Alles wurde ein wenig schneller, Kommunikation insgesamt einfacher. Datenkommunikation unterstützte global denkende Unternehmer in ihren Projekten und in ihrer Produktion, verschaffte ihnen einen Produktivitäts- und Kostenvorsprung. Ulrich Eckardt beschreibt in seinem Buch „Unternehmer 2.0“ den Virgin-Gründer Richard Branson als Pionier dieses Unternehmertyps.

Dann kam die globale Vernetzung. Diese hat sich längst zu einer eigenen Revolution entwickelt. Erstmalig werden ganz neue Möglichkeiten der Ressourcenteilung möglich. Und hier wird es für KMU interessant, denn bislang lebten sie von Spezialwissen und der Beherrschung von Marktnischen. Aber sein fachliches Metier zu beherrschen reicht heute nicht mehr aus: Unternehmer brauchen Kompetenz in übergreifenden, oft ungewohnt abstrakten Fragestellungen. Dieses wichtige Methodenwissen selbst zu entwickeln ist aufwendig, der Einkauf über Berater teuer. Aber Wissen kann man teilen. Und man kann es tauschen, ohne Liquidität oder Rentabilität zu gefährden.

 

Wohin geht die Reise für den Unternehmer 3.0?
Was sich der Unternehmer über Tausch außerdem besorgen kann, ist Erfahrungswissen – und zwar das der anderen. Impulse zu Themen wie Unternehmensführung, Betriebsorganisation, gerade auch Selbstorganisation bringen ihn in der immer komplexeren Welt wirklich weiter. Er gibt und erhält Tipps zum Beispiel zu seinen Vermarktungsstrategien: ob es der Markteinstieg in China ist oder die Frage, ob er in Lizenz fertigen lassen soll. Und er braucht Menschen, die ihn in seiner Richtung bestärken, seine Betriebsblindheit ausgleichen, ihn vor möglichen Fehlern warnen oder einfach einmal glaubwürdig Bedauern äußern, wenn etwas nicht geklappt hat.

Dieser „Unternehmer 3.0“ überwindet die Vorstellungen der Generation 1.0. Er erkennt, dass es Zeit ist, seine Einsamkeit hinter sich zu lassen, neue Formen der Kooperation zu finden, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Mit Zugang zu geteilten Ressourcen kann es gelingen, der Entwicklung der Konzerne etwas entgegenzusetzen: Wenn die Großen plötzlich flexibel werden, müssen die Kleinen eben ihren Wissensschatz zusammenlegen. Die Entwicklung von der selbst gewählten Abschottung zu angemessenen Formen der Kooperation führt direkt von der Wagenburg 1.0 zum Engagement im Netzwerk 3.0 – wo Respekt und Vertrauen neue Wege und neue Lösungen aufzeigen, so wie in einem TAB-Unternehmerboard.

 

Geschäftsmann mit Share-Wolke

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Produktionsfaktor “Teilen”
Was den Unternehmer 3.0 im Einzelnen qualifiziert, wird die Zeit zeigen; der Ruf nach ihm ist jedoch unüberhörbar. Was schon heute klar ist: Er denkt über das Beherrschen technischer Neuerungen hinaus und beschäftigt sich mit der Neuordnung seiner gesamten Wertschöpfung. Er fragt: „Make, buy or share?“. Dieses Umdenken ist losgelöst davon, ob er sein halbes Leben in Singapur verbringt oder in Fröndenberg die Metallspäne von seinen Händen wäscht. Ob er zweitausend Facebook-Freunde hat oder lieber mittwochsabends Skat drischt. Er muss nur die richtigen Partner finden, mit denen das Geben und Nehmen klappt. Ob über das Netz oder von Angesicht zu Angesicht, ist egal. Je häufiger und schneller sich diese Unternehmerpersönlichkeit entwickelt, desto mehr Chancen dürften deutsche KMU in der Zukunft im internationalen Wettbewerb haben.

Sehen Sie die Entwicklung ähnlich in Ihrem Bereich?

Autor: Christopher M. Cooper

11 Kommentare

  1. Lieber Christopher,
    ein gelungener Artikel von dir, der gut auf den Punkt bringt, welche Vorgehensweisen in der Zukunft zielführend sein werden. Ich habe in letzter Zeit viele Unternehmer kennen gelernt, die schon seit Jahren gern dem Ruf nach dem Unternehmer 3.0 gefolgt wären. Tatsächlich haben viele ihren Berufsverbänden, Erfa-Gruppen oder anderen Formaten von Unternehmertreffen den Rücken gekehrt, weil Geben & Nehmen zu wenig im Vordergrund stand und, wenn überhaupt, eher zufällig entstand. Menschengruppen bedürfen einer gewissen Führung hin zu diesem Ziel, damit der Austausch fair, produktiv und zu aller Nutzen ist. TAB Unternehmerboards leisten dies in einer verblüffend erfolgreichen Art und Weise. Danke nochmal für deine Gedanken zu diesem spannenden Thema. Viele Grüße, Kay

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  2. Rüdiger Maria Müller

    25/11/2014 @ 22:04

    Hallo Herr Cooper,

    Ihren Beitrag finde ich sehr interessant. Sie haben sicher Recht, dass neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung notwendig sind, damit auch KMU im lokal, globalen Wettbewerb bestehen können. Ob Verbände wirklich pauschal so sind, wie Sie sie beschreiben, würde ich als Vorstandsmitglied eines IT Mittelstandsverbands eher nicht bestätigen. Ich glaube auch nicht, dass wir einen neuen Unternehmertyp 3.0 brauchen. Wir brauchen m.E. im besten Malikschen Sinne die klassischen Unternehmer, die den Grundsätzen guten Management’s folgen und diese Ihren Führungskräften und Mitarbeitern vermitteln und vorleben. Dann werden Sie auch die Herausforderungen, die unsere Zeit aktuell bringt, bestehen.

    1. Ausrichtung auf Resultate
    2. Beitrag zum Ganzen
    3. Konzentration auf Wesentliches
    4. Stärken nutzen bzw. auf diesen aufbauen
    5. Vertrauen schaffen (nach Innen und Außen)
    6. Konstruktives Denken

    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Tab Boards hier eine wirksame Unterstützung bieten können, denn gerade im Unternehmer Alltag ist es nicht immer ganz einfach, den Blick dafür zu behalten, was eigentlich wesentlich ist und wo die eigentlichen Stärken liegen. Die Idee, Peers von Aussen, aus einer anderen Perspektive auf konkrete Fragestellungen des Unternehmers schauen zu lassen, ist ein neuer Ansatz, der spannend und überzeugend klingt.

    Beste Grüße
    Rüdiger Maria Müller

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    • Hallo Herr Müller, herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Sorry. Ich hatte tatsächlich versucht, eine Pauschalisierung zu vermeiden. In meiner Replik ging es um Berufsverbände. Zu einem IT Mittelstandsverband hätte ich ein anderes, ein aktives Bild. Das bringt Ihr Thema mit sich.

      Ich möchte mit den Begriffen „Mittelstand“ – „KMU“ usw. differenziert umgehen. Weil ich glaube: es gibt ihn nicht: DEN Mittelstand. Beim Unternehmer 3.0 liegt mein Fokus erst einmal auf Unternehmen bis 100 MA.

      Die 6 Punkte, die Sie anführen, bleiben auch aus meiner Sicht weiter gültig. Es geht nicht darum gutes Management neu zu definieren. 3.0 ist die Weiterentwicklung von 2.0. Ich sehe darin keinen neuen Unternehmertyp. Sondern eine Erweiterung: neben „Management“ geht es jetzt auch um Einstellung und Werte. „Teilen“ ist in der Wirtschaft nur wenig verbreitet.

      Es geht u.a. darum, dass die Generation Baby-Boomer aus dem lernt, was die Generation Y (und bald Z) an neuen Kooperationsformen im Web bereits als gut und tragfähig übernommen hat. Der Unternehmer 3.0 wird prüfen, wo und wie er diese auf die „echte Welt“ übertragen kann. „Teilen“ („share“) ist aus meiner Sicht der erste Schritt, der Anfang.

      Wenn in der „echten Welt“ aus vielfacher Vernetzung und „Teilen“ die Fähigkeit auch der Kleineren zur gemeinsamen und erfolgreichen Teilnahme am globalen Wettbewerb geworden ist, dann hat der Unternehmer 3.0 seine Schuldigkeit getan.

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  3. Thorsten Windus-Dörr

    25/11/2014 @ 14:33

    Lieber Christopher Cooper,
    ich war schon ganz gespannt auf Ihren angekündigten Artikel zum Unternehmer 3.0. Und das Prinzip des “Teilens” auf das TAB-Board anzuwenden gefällt mir sehr gut. Nach mittlerweile über einem Jahr Teilnahme an einem Board kann ich das eindeutig bestätigen. Früher war es noch möglich, dieses Teilen in Berufsverbänden zu erleben, aber auch das hat leider sehr stark nachgelassen.
    Vielen Dank
    Thorsten Windus-Dörr

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    • Lieber Thorsten Windus-Dörr, vielen Dank für Ihren Kommentar. Schon in meinem ersten Boardmeeting kam von einem Teilnehmer die Rückmeldung, wie begeistert er davon sei, was ihm mitgegeben wurde in dem Treffen. Was Sie über die Berufsverbände (und andere “etablierte” Kreise) schreiben sehe ich auch so: wenig Dynamik, wenig echter Kontakt zwischen den Teilnehmern, teilweise Erstarrung. Was ich mich frage ist: wie werden die permanent neuen Kooperationsformen des Internet (zur Zeit z.B. Crowdfunding, Crowdsourcing, cloudbasierte Geschäftsmodelle) die Wirtschaft verändern? Welche Chancen ergeben sich daraus für den Mittelstand: durch Teilen (“share”) und Kooperieren selbst kapitalstarken Global Playern die Stirn zu bieten – und so dazu beitragen, in Deutschland unseren Wohlstand weiter zu sichern? – Dies Thema steht erst am Anfang. Umso spannender wird die Frage, wie wir bei TAB diese Entwicklung “alltagstauglich” machen – für unsere Mitglieder. Vielen Dank! Christopher M. Cooper

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  4. Roland Prehm

    24/11/2014 @ 21:06

    Hallo Christopher,

    vielen Dank für Deinen interessanten Artikel zu einem spannenden Thema. Ich selbst bin gespannt, wohin die Reise geht und denke, dass vor allem Emphatie für einen erfolgreichen Unternehmer 3.0 von wesentlicher Bedeutung ist…

    Herzliche Grüße
    Roland

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    • Hallo Roland, ja! Auch ich halte Emphatie für eine zentrale Eigenschaft guter – und damit meist erfolgreicher – Unternehmer. Fällt die Emphatie nicht häufig dem Zeitstress zum Opfer? Zeitstress als Ergebnis von schlechtem Zeitmanagement, übermässger Kontrolle, nicht Los-Lassen-Können usw.? Vielen Dank, dass Du diesen wichtigen Punkt beigesteuert hast. Herzlich Christopher

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  5. Der Unternehmer 3.0 zeichnet sich durch einen hohen Vernetzungsgrad aus – nicht unbedingt viele – vielmehr die Richtigen kennt er und hilft somit zusammen mit seinen Partnern dem Kunden passgenau. Dein Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Vielen Dank, Christopher

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  6. Jürgen Peters, Mr. gehmeinsam

    20/11/2014 @ 18:09

    Lieber Christopher,
    guter Artikel!

    Ein Gedanke als Ergänzung: >>Profit lässt sich zukünftig nur partnerschaftlich realisieren!<<

    Herzliche Grüße

    Jürgen

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    • LIeber Jürgen,
      danke für Deinen HInweis. Bei “Partnerschaftlichkeit” treffe ich öfters auf Skepsis. Wenn gute und lebende Beispiele Deinen Weg kreuzen: danke für den Hinweis. Das wäre immer gut für ein Interview.
      Herzlich Christopher

      Antworten

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