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Einmalige Gewinnreserve – bereits jetzt realisieren?

Einmalige Besonderheit 2016 hat erhebliche Auswirkungen auf die Bonität: In diesem Jahr gibt es eine einmalige Besonderheit bei der Erstellung des Geschäftsabschlusses 2015, die jeder betroffene Unternehmer – auch der, für dessen Unternehmen bereits ein entsprechender Beschluss gefasst wurde – kennen sollte. Sie kann wesentliche Auswirkungen auf die Bonität des Unternehmens haben. Dies wird bei Kreditprüfungen, Re- und Neufinanzierungen durch die Banken relevant.

1 (54)Sondersituation für Pensionsrückstellungen von KMU

Worum geht’s? Obwohl die Diskussion nicht neu ist, hat der Gesetzgeber erst mit Wirksamkeit per 17.03.2016 die ‚Formel‘ der einschlägigen Bewertungsvorschriften für Pensionsrückstellungen ab dem Geschäftsjahr 2016 dem nachhaltig niedrigen Zinsniveau angepasst, um dessen Effekt nachhaltig abzufedern (BGBl I S. 396 v. 16.03.2016). Es geht hier in der Regel um Pensionszusagen für den oder die geschäftsführenden Gesellschafter. Konkret wurde in § 253 Abs. 2 und 6 Handelsgesetzbuch (HGB) die Basis für die Berechnung des Abzinsungszinssatzes vom Durchschnittszinssatz (unterstellte Restlaufzeit von 15 Jahren) der letzten sieben auf den der letzten zehn Geschäftsjahre festgelegt. Die Verbände, insbesondere der Familienunternehmer, nannten dies ‚halbherzig‘ und hätten gerne 12 bzw. 15 Jahre zugrunde gelegt.

Neuregelung greift nachträglich für 2015

Nur gesetzestechnische Spielerei oder Juristenkram? In diesem Fall jedoch mit enormer wirtschaftlicher Tragweite für das einzelne KMU und eine Ungleichbehandlung dieser gegenüber größeren Unternehmen, die nach IFRS abschließen, wo die Anpassung an das Zinsniveau jährlich erfolgt (derzeit unter 2%). Daher wurde den Unternehmen ein – verspätetes – Wahlrecht eingeräumt, unter bestimmten Voraussetzungen bereits für das Geschäftsjahr 2015 von dieser Neuregelung Gebrauch zu machen (Art. 75 Abs. 6 und 7 EG HGB).

Kleine Ursache, große Wirkung

Was heißt das in Zahlen? Auf der Basis eines Durchschnitts von 7 Jahren betrug der Zinssatz zum 31.12.2015 3,89% und würde – bei gleichbleibenden Zinsniveau – per 31.12.2016 nach Schätzungen auf 3,28% und 2020 auf 1,84% absinken. Auf der Basis von 10 Jahren sind die entsprechenden Werte 4,30, 4,04 und 2,46%. Kleine Ursache, große Wirkung: So können ein um 10 Basispunkte (0,10%) höherer Zinssatz je nach Zahl der betroffenen Personen (i.d.R. Geschäftsführer) bereits in einem Jahr 50.-100.000 € (handelsbilanzieller) Gewinn bedeuten, der als Zinssatzänderungseffekt im operativen oder Finanzergebnis ausgewiesen werden kann.

Gewinnreserve für 2016 aufheben oder nicht?

Was bedeutet dies in der Praxis heute? Jeder Unternehmer muss damit also in diesen Tagen beantworten, ob er die Gewinnreserve für das Geschäftsjahr 2016 ‚aufheben‘ möchte, oder sie bereits für 2015 realisieren will, indem er die – einmalige – Möglichkeit zur Ausübung des Wahlrechts nutzt.

Mindestens 2 Faktoren beachten

Das hat, wie könnte es anders sein, – mindestens – einen Haken: 1) das Erfordernis eines um eine weitere Berechnung ergänzten Gutachtens des Versicherungsmathematikers (Ausweis der konkreten Ergebnisveränderung im Anhang bzw. unter der Bilanz), damit weitere Kosten. Und 2) eine grundsätzlich in dieser Höhe bestehende Ausschüttungssperre. Ein weiterer zu beachtender Faktor ist, dass die jeweilige Differenz zwischen beiden Durchschnittszinssätzen, 7 bzw. 10 Jahre im Geschäftsjahr 2015 nur 0,41%-Punkte, in 2016 mit 0,76%-Punkten knapp das Doppelte beträgt. Damit ist der Hebel also sehr viel stärker.

Bonität steigt bei geringeren Rückstellungen

Demzufolge sollten die Details mit dem Steuerberater/ Wirtschaftsprüfer, auch mit Blick auf die konkreten, quantifizierten Auswirkungen, besprochen werden. Ein – eventuell entscheidender Faktor – für den Unternehmer sind eventuell in naher Zukunft anstehende Finanzierungsgespräche mit Banken, denn die (Bilanzstruktur-)Kennzahlen und damit die Bonität verbessern sich natürlich bei geringeren Rückstellungen zugunsten des Eigenkapitals.

Kriterien: Bilanzpolitik und aktueller Finanzierungsbedarf

Allerdings: spätestens in einem Jahr, für das Geschäftsjahr 2016 und die nachfolgenden Geschäftsjahre, kann man diesem zusätzlichen Aufwand an Bürokratie und Kosten nicht mehr entkommen, so dass in diesem Jahr Bilanzpolitik und aktueller Finanzierungsbedarf die wesentlichen Entscheidungsgrößen bleiben.

Was bedeutet dies in der Praxis mittel- und langfristig?

Eins ist klar, schon rein mathematisch wird der bei der gewählten Durchschnittszinssatz-Lösung anzuwendende Abzinsungszinssatz weiter sinken, weil immer mehr Jahre mit niedrigen Zinsen in die Berechnung einfließen. Ist eine höhere Kontinuität im Bilanzausweis das Ziel, empfiehlt es sich, das Wahlrecht bereits für 2015 auszuüben und damit die sich auch in langfristigen Durchschnittswerten durchschlagende ‚Niederzinswelle‘ so früh wie möglich zu glätten.

Aber: Umgedrehter Effekt bei höheren Zinsen

Dabei ist immer daran zu denken, dass – irgendwann – auch mal die Tide kommt: die Zinsen werden – wie in den USA schon jetzt – wieder steigen. Dann dreht sich der Effekt um. Nur langsam schwindende höhere Belastungen jedes Jahr – es sei denn, der Gesetzgeber lässt sich dann wieder etwas Neues in dieser Sache einfallen oder er korrigiert idealerweise – allerdings um den Preis erheblicher Steuerausfälle. Das Grundproblem der immer weiter auseinanderdriftenden Zinssätze durch eine Anpassung des steuerrechtlich anzuwendenden Zinssatzes von 6% (§ 6a EStG). Nur eine solche, seit langem von den Unternehmerverbänden geforderte, Änderung hätte echte Liquiditätsauswirkungen auf die Unternehmen und wäre eine – überfällige – Anpassung oder zumindest Annäherung an das Marktniveau, d.h., die Realität im Niedrigzinsumfeld.

Autor: Dr. Dirk Lupberger

Kleinere und mittelständische Unternehmer in der Region München-Süd treffen sich regelmäßig in den TAB-Unternehmerboards, die von Dr. Dirk Lupberger geleitet und moderiert werden.

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