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Gelesen: „Das anständige Unternehmen“ von Reinhard K. Sprenger

Über dieses Buch lässt sich trefflich streiten! Ich habe lange damit gehadert, wirft es doch Führungsinstrumentarien über Board, die seit Jahrzehnten gelebt und gelehrt werden – es postuliert sie schlichtweg als unanständig.

Sprenger bezeichnet sein Buch dann auch als „Anti-Verkrustungs-Fibel“, da sein „riskantes Denken“ das Konventionelle herausfordere. Dies tut er nicht selten mit absolutem Wahrheitsanspruch. Wer da nicht gleich seiner Meinung ist, der unterliegt bei ihm schnell „einer optischen Täuschung, die sich nur durch die allgemeine Hypnose erklären lässt“. Sollten seine Handlungsempfehlungen nicht auf Zustimmung stoßen, dann „zeigt ein solcher Protest vor allem, welchen Grad die kollektive Verblendung mittlerweile angenommen hat“. Natürlich steht wieder mal  „nicht weniger als ein Paradigmenwechsel“ an.

Starke Worte! Sicherlich auch bewusst provozierend platziert!

Reinhard K. Sprenger verwendet zu Beginn seines Buchs ganze zehn Seiten für die philosophische Definition von „Anstand“ und verliert sich hierbei manchmal in Allgemeinplätzen und Weitschweifigkeit. Weniger wäre hier mehr gewesen!

Was ist “anständige Führung”?

Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht der Umgang des Unternehmens mit seinen Mitarbeitern und die Beantwortung der Frage, wie diese „anständig“ zu führen sind.  Hierbei bricht er mit allen gängigen Lehren und postuliert das Gegenteil: Bestimmte gängige Handlungen sind zu unterlassen, die „Ökonomie der Zurückhaltung“ und das Management des Lassens“ stehen im Fokus. Anstatt Instrumente und Prozesse zu verbessern, solle man darüber nachdenken, ob man sie überhaupt noch brauche.

Wann ist ein Unternehmen „anständig“?

Ein Unternehmen ist für Sprenger dann anständig, wenn es „nicht autistisch ist, sich nicht zum Selbstzweck setzt, gegenüber dem Mitarbeiter Distanz wahrt, ihm als Verhandlungspartner auf Augenhöhe begegnet, ihn als Erwachsenen und Individuum ehrt, ihm Vertrauen entgegenbringt und seine Autonomie nicht übermäßig einschränkt.“ Unternehmen haben gegenüber ihren Mitarbeitern keinen Erziehungsauftrag. Das Prinzip des selbstverantwortlichen Mitarbeiters, „der als Erwachsener kompetent und in der Lage ist, sachangemessene Entscheidungen zu fällen“, ist Ausgangspunkt seiner Argumentation.

Keine Mitarbeiterführung

Diesen Mitarbeitern gegenüber verzichtet das anständige Unternehmen auf Führungsstil-Vorgaben, auf Feedback-Runden, lehnt Unternehmensleitlinien, regelmäßige Mitarbeitergespräche und sogar die Vorbildfunktion des Vorgesetzten ab. Feste Arbeitsverträge sollten abgeschafft und durch Zeitverträge ersetzt werden. Laut Sprenger liegt der Vorteil des „Lassens“ darin, für Anderes, Neues und Innovatives Platz zu schaffen. Das bringe letztendlich Raum für zufriedene und verantwortliche Mitarbeiter hervor, die im Sinne des Kunden und somit zum Wohl des Unternehmens wirken.

Funktioniert es in der Praxis?

Hier stellt sich die Frage: „Ja, was denn stattdessen?“ Hierauf antwortet Sprenger auf Seite 353: „Das weiß ich (noch)nicht. Ich verteidige das Recht zu kritisieren, auch ohne einen besseren Gegenvorschlag zu haben“. Hier müsse man ausprobieren, da ohne Experiment, Fehler und Scheitern Innovationen eben nicht zu haben seien…! Nein, man muss längst nicht immer seiner Meinung sein, um dieses Buch zu lesen, denn Sprengers Ausführungen sind stark theoretisch und philosophisch geprägt. Sie werden den Praxistest kaum überstehen, da sie fast durchweg von idealtypischen Überhöhungen menschlicher Eigenschaften sowohl bei Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern ausgehen und diese damit  überfordern.

Ist das alles Quatsch?

Aber es wäre sicherlich zu trivial, alle Alternativen pauschal als praxisfern abzutun, werden Sprengers Ausführungen doch sehr detailliert, durchaus lesenswert und logisch argumentiert. Jedes Kapitel ist darüber hinaus mit klaren Handlungsempfehlungen und Alternativen abgerundet.

Reinhard K. Sprenger verdeutlicht hierbei durchaus auf erhellende wie provozierende Weise, was aus seiner Sicht „richtige Führung“ ausmacht und wie Vorgesetzte in seinem Sinne „anständig“ selbstverantwortliche und erwachsene Mitarbeiter führen sollen. Hierbei gibt er wertvolle, aber auch provokante Impulse, die alle lesen und bewerten sollten, die in Unternehmen in Führungsverantwortung stehen. 

Autor: Volker Gölz

Reinhard K. Sprenger: Das anständige Unternehmen: Was richtige Führung ausmacht – und was sie weglässt. München 2015, ISBN: 978-3-421-04706-9; 26,99 €

 

3 Kommentare

  1. Volker Gölz

    01/12/2015 @ 11:04

    Hallo Frau Brandes,
    dann ist das Buch genau das richtige für Sie. Viel Spaß mit der Lektüre, und vielleicht finden Sie ja interessante Anregungen für die Umsetzung im eigenen Unternehmen !

    Beste Grüße
    Volker Gölz

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  2. Kerstin Brandes

    30/11/2015 @ 17:39

    Vielen Dank für diese Buch-Empfehlung. Ich schätze Herrn Sprengers unkonventionelle Denkanstöße und freue mich auf die Lektüre.

    VG Kerstin Brandes

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  3. Thomas Grutzeck

    27/11/2015 @ 13:48

    Schöner Beitrag! Macht Lust zu lesen, selbst wenn es (voerst) nur theorethische Ansätze bieten sollte. Querdenken im Business hat noch nie geschadet – machen wir bei uns im TAB-Board ja auch. Mit neuen, unerwarteten und konstruktiven Perspektiven und Ergebnissen.

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