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Bloß nicht „authentisch“

Im Job geht es nicht darum, wie authentisch wir sind, sondern darum, was wir aus uns machen. Immer für das Unternehmen natürlich.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich einen Mitarbeiter in einem Zielerreichungsgespräch kritisieren musste. Irgendwann fiel von ihm der legendäre Satz: „So bin ich aber nunmal.“

„Mag sein“, antwortete ich, „im Job interessiert es aber niemanden, wie Sie sind; es geht hier nicht darum, fragwürdige Charaktereigenschaften auszuleben, sondern etwas aus sich zu machen, für die Firma. Also arbeiten Sie bitte an ihren Fehlern!“

BegrenderNoch eine Geschichte:

Das Original ist immer besser als die Kopie, oder? Eines Tages gönnte sich Elvis den Spaß und nahm an einem Elvis-Presley-Double-Wettbewerb teil. Er erreichte einen beachtlichen vierten Platz. Drei Doubles schienen dem Publikum authentischer.

Nicht einfach nur „ich selbst“ sein!

Was lernen wir aus diesen beiden Geschichten? Es reicht nicht, einfach nur „ich selbst“ zu sein. Wir müssen mehr aus uns machen. Ein Topmanager wird nicht dafür bezahlt, dass er sich auf sein „natürliches Talent“ verlässt und bei der Bilanzpressekonferenz das sagt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Und der Spitzenpolitiker sollte auch nicht reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Nicht wer authentisch ist, hat Erfolg, sondern wer authentisch scheint.

Seit 1968 lebte dieser Gedanke wieder auf. Was nicht tief aus dem Innersten kommt, das ist nicht echt. Selbst-Verwirklichung hieß das Schlagwort. Vor ein paar Jahren wurde dann das naiv-romantische Konzepts der authentischen Persönlichkeit daraus.

Mal angenommen, die Führungsperson hat schlechte Laune, Kummer mit der Gattin oder glaubt nicht wirklich an den Projekterfolg. Im gängigen Verständnis von Authentizität lässt sie das raus. Man ist authentisch und sagt, was man denkt. Da gibt man vielleicht auch mal die eigenen Zweifel über die Richtigkeit der Unternehmensstrategie weiter. Oder man schimpft über Kollegen, Teamleiter und andere Abteilungen. Solche Leute sind zu authentisch. Wer die Strategien seines Arbeitgebers nicht tragen kann, sollte lieber gehen.

Fusion aus Person und Rolle

Erst die gelungene Fusion aus Person und Rolle führt dazu, dass man erfolgreich auf andere authentisch wirkt. Nicht das Spontane und Pure ist entscheidend für ein professionell-authentisches Auftreten, sondern das sorgfältig Vorbereitete und Kontrollierte. Dazu gehört viel Arbeit und auch die Bereitschaft, an sich zu arbeiten – immer für das Unternehmen. Die perfekte Inszenierung, wie sie beispielsweise Steve Jobs beherrschte, oder Barack Obama, oder unsere Kanzlerin, Angela Merkel. Man nimmt ihnen das ab.

Wer nur authentisch ist, der ist faul, weil er nichts dazulernen will. Authentisch sein, ganz man selbst sein, bei sich sein, echt sein, spontan und aus dem Bauch heraus. Oha! Wo Menschen nur sie selbst sind und sonst nichts, da geht viel schief. Wir glauben, das Authentische seien wir selbst, dabei ist es nur schlechte Gewohnheit. Aus schlechten Gewohnheiten wird aber nichts Gutes, nur weil man sie authentisch nennt.

Noch’n Buch

Stefan Wachtel hat dazu ein kluges Buch geschrieben: „Sei nicht authentisch!“. Entscheidend sei der Unterschied zwischen ichbezogener, ungefilterter Äußerung und einem die Wirkung kalkulierenden Rollenmodell. Letzteres verwendet Wachtel in seinem Hauptberuf als Coach, um die Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft für den öffentlichen Auftritt fit zu machen. Sein Buch besteht aus einer Vielzahl von Taktiken und Techniken, die in der Praxis zu einem authentischen und glaubwürdigen Gesamteindruck führen sollen. Ein Buch für alle, die Teams oder gar Unternehmen leiten – besonders, wenn das unter den Augen der Öffentlichkeit geschieht. Seine vier Hauptthesen:

1) Reden Sie nie ohne Plan!

2) Kleiden Sie sich dem Anlass gemäß!

3) Lassen Sie Ihr Inneres, wo es ist!

4) Lesen Sie nie Text vor!

Wachtels Lieblingsbeispiel: „War die Kanzlerin authentisch? War es ihr Herausforderer Peer Steinbrück? Wenn man beide vergleicht, sieht man: Eine der beiden Figuren war authentisch, die andere hat gewonnen. Entscheiden Sie, wie Sie sein wollen!

Wer mehr dazu lesen und sehen will:

Stefan Wachtel Buchhttp://www.plassen-buchverlage.de/buecher/Sei-nicht-authentisch-.htm

Steve Jobs war ein Meister der eigenen Inszenierung und auch Barack Obama hat sich hier schon profiliert:
https://www.youtube.com/watch?v=SexosEcsmsY (Barack Obama), https://www.youtube.com/watch?v=OIV6peKMj9M (Steve Jobs)

Autor: Thorsten Windus-Dörr

 

Der studierte Geisteswissenschaftler und gelernte Journalist Thorsten Windus-Dörr ist seit April 2008  –  nach Stationen als PR-Berater und Leiter Public Relations eines DAX Unternehmens – zusammen mit Jens Voshage Geschäftsführer der PR-Agentur Eins A Kommunikation in Hannover. Die Agentur bietet strategische Unternehmensberatung auf dem Gebiet der Kommunikation und arbeitet für Kunden aus allen Wirtschaftsbereichen. Besonderes Knowhow können aus den Branchen Energie und Touristik in die Projekte eingebracht werden.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Endlich eine vernünftige Argumentation gegenüber Mitarbeitern, die diese Haltung leben. Ich hatte in den letzten Tagen einige Dialoge mit Unternehmern, die klagten – auch über dieses Thema.
    Viele Grüße aus dem TAB-Board Chemnitz II
    Markus Kohlmüller

    Antworten
    • Thorsten Windus-Dörr

      22/06/2015 @ 10:16

      Hallo Herr Kohlmüller,
      immer gerne. Das Thema bewegt mich schon seit Jahren. Seit durch das Aufkommen von Blogs und Bloggern das Thema Authentizität (gefühlt) stark an Bedeutung gewonnen hat. Selbst unsere aktuelle Praktikantin (22) bei Eins A Kommunikation fand es gut, dass ich das Thema aufgegriffen habe. Sie findet, dass es inflationär angewendet werde.
      Thorsten Windus-Dörr

      Antworten

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